Warum verbreitet sich Esperanto?

Internationale Sprache Mehr und mehr Menschen lernen und sprechen Esperanto. Die Sprache ist jetzt in über 120 Ländern weltweit angekommen. Was ist eigentlich so attraktiv an Esperanto?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied LuWunsch-Rolshoven

Für so manchen dürfte es verblüffend klingen: Die internationale Sprache Esperanto verbreitet sich zusehends. Auch wenn sich die Gegner des Esperanto noch so große Mühe gegeben haben - das Wachstum der Esperanto-Sprachgemeinschaft ist offensichtlich nicht aufzuhalten und mittlerweile wohl kaum noch zu übersehen, wenn man sich ein wenig mit dem Thema vertraut macht.

Vielleicht sind die Zahlen der Esperanto-Lerner bei Duolingo.com am deutlichsten. Dort haben sich für den englischsprachigen Kurs bisher 769.000 Personen eingetragen, http://duolingo.com/courses/en . Der spanischsprachige Kurs ist erst ein paar Monate alt, http://duolingo.com/courses/es ; dort haben sich 70.200 Lerner eingetragen. Monatlich schließen derzeit etwa 3000 Personen einen der Kurse ab; pro Jahr dürften das also 35.000 Leute sein. Das ist ein guter Zuwachs für Esperanto (auf einer einzigen Website), denn man schätzt, dass bisher nur ein paar hunderttausend Menschen Esperanto regelmäßig sprechen, ein paar Millionen es gelernt haben und es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler gibt.

100. Todestag von Ludwik Zamenhof: 
14. April 2017

1887 hatte der damals 27-jährige Ludwik Zamenhof in Warschau ein kleines Büchlein mit den Grundlagen einer neuen "Internationalen Sprache" veröffentlicht. Die Sprache wurde bald "Esperanto" genannt, nach dem Pseudonym des Autors. Am 14. April 1917 ist Zamenhof gestorben, in diesem Jahr wird sein 100. Todestag sein und die Esperanto-Sprecher werden ihn und seine Sprache ehren.

Relativ rasch zu lernen

Esperanto hat nur wenige Regeln, es setzt sich aus Wörtern zusammen, die möglichst in vielen Sprachen zu finden sind, und man kann nach bestimmten Regeln neue Wörter bilden. Das zusammen sorgt dafür, dass Esperanto in einem Drittel bis einem Fünftel der Zeit zu erlernen ist, die wir z.B. für Englisch oder Italienisch brauchen. Ich schreibe, du schreibst, er schreibt heißt in Esperanto mi skribas, vi skribas, li skribasIch schrieb - mi skribis. Und genauso: Ich lese, du liest - mi legas, vi legasIch las - mi legisSkribanto ist jemand der schreibt, ein Schreiber; leganto ist ein Leser. Man kann skribema sein, wenn man eine Neigung zum Schreiben hat oder legema, wenn man gerne liest. Usw.

Und das ist auch schon die erste Antwort auf die Frage, warum sich Esperanto zunehmend verbreitet: Es ist rasch zu lernen. Man braucht nicht so ewig, bis man ein vernünftiges Niveau erreicht hat. Das ist einfach sehr angenehm. Nicht so wie im Englischen, wo man sich noch nach Jahrzehnten fragt, wie mache Wörter wohl ausgesprochen werden. Oder ob man wirklich so schreiben darf, wie es nach Logik richtig wäre... Viele Esperanto-Sprecher beherrschen Esperanto daher deutlich besser als ihre anderen Fremdsprachen.

Weltweite Kontakte

Die zweite Antwort lautet: Man kann durchaus eine Menge mit Esperanto machen, vor allem Kontakt mit Menschen aus Dutzenden von Ländern pflegen. Ein Freund von mir macht gerade in Nepal eine Himalaya-Wanderung - mit einer Esperanto-Gruppe. Ein anderer hat Kontakt zum Bürgermeister eines Dorfes in Tanzania, der Esperanto spricht; die dortigen Entwicklungsprojekte werden von Esperanto-Sprechern unterstützt. (Man kann, diese Erkenntnis hat sich allgemein noch nicht so verbreitet, Entwicklungshilfe auch in kleinem Organisationsrahmen und in Absprache mit den Einheimischen durchführen...)

Die meisten Esperanto-Sprecher bleiben etwas bescheidener in Europa und nehmen hier an internationalen Esperanto-Treffen teil. Da lernt man dann viele Leute aus anderen Ländern kennen und einige mag man dann auch - und wenn es nett war, dann kommt man wieder und vielleicht besucht man die Leute irgendwann mal.

An dieser Stelle hört man dann gelegentlich, Esperanto solle doch mehr sein als nur eine nette Freizeitbeschäftigung für eine im Vergleich zur Weltbevölkerung geringe Gruppe. Gemeinsame Weltsprache für möglichst viele Menschen. Ja, das wäre sicher schön. Aber der Weg zu einer Sprachgemeinschaft von ein paar hundert Millionen Menschen führt nun mal über die Zahlen von ein paar hunderttausend oder ein paar Millionen. Anders als durch stetes Wachstum ist ein solches fernes Ziel nicht erreichbar. Dass man auf die Hilfe der Politiker nicht zu sehr hoffen darf für ein solches Projekt, darauf hat Zamenhof schon 1910 hingewiesen; Politiker kommen in vielen Fällen erst, wenn alles schon fertig ist, meinte er...

Insofern ist die heutige Sprachgemeinschaft eine notwendige Vorstufe für eine mögliche weitere Entwicklung. Für die Esperanto-Sprecher von heute ist es allerdings weitaus mehr: Sprach- und Kulturgemeinschaft, in der sie sich recht wohlfühlen. Und ob die anderen auch Esperanto lernen wollen - das sollen die doch entscheiden. Selbst dran schuld, wenn sie sich das entgehen lassen.

Für manche Leute, das gebe ich ja gerne zu, bietet Esperanto heute auch keine besonderen Vorteile. Wenn man nicht so sehr am Herumreisen oder an Menschen aus anderen Ländern interessiert ist oder wenn einfach die Freizeit schon gut angefüllt ist, dann erfüllt Esperanto ein Bedürfnis, das man selbst nicht hat. Die meisten Esperanto-Sprecher haben Esperanto wohl gelernt, als sie gerade Single waren; da hat man eine Menge Zeit zur Verfügung... Esperanto lässt sich natürlich auch fortführen, wenn man zu zweit ist oder Kinder hat, insbesondere, weil die heutigen Esperanto-Treffen das weit mehr unterstützen als die Kongresse früherer Zeiten.

Zunehmende Verbreitung

Vielleicht noch ein paar Zahlen: In Ungarn haben seit 2001 über 35.000 Menschen eine staatliche anerkannte Esperanto-Prüfung abgelegt. Auf den Seiten des ungarischen Sprach-Zertifizierungs-Instituts NYAK http://www.nyak.hu/doc/statisztika.asp?strId=_43_ kann man nachlesen, dass sich dort in den letzten zehn Jahren über 40.000 Personen für eine Esperanto-Prüfung angemeldet haben (sie bestehen nicht alle...). Das ist übrigens etwa so viel wie für Französisch und der dritte Platz nach Englisch und Deutsch.

Die ungarische Volkszählung berichtet, dass 1990 etwa 2083 Esperanto-Sprecher gezählt wurden, 2011 waren es vier Mal so viel, 8397, http://www.ksh.hu/nepszamlalas/docs/tables/regional/00/00_1_1_4_2_en.xls. Das hätte man in Deutschland vielleicht wahrnehmen können - aber was ist schon ein ungarisches Prüfungsinstitut gegen eine Sprachlernseite aus den USA wie Duolingo.com?! Am englischen Wesen soll die Welt genesen, das wissen wir doch. Und außerdem "wissen" viele, dass "niemand" Esperanto spricht; deshalb sind beide Informationen nicht so wichtig und am liebsten werden sie ein wenig angezweifelt. Was nicht zur eigenen Weltsicht passt, das wird am liebsten ignoriert oder weggewischt, das tun wir alle liebend gern.

Esperanto-Kultur

Zamenhof war es von Anfang an wichtig, aus Esperanto eine Kultursprache zu machen. So hat er in seiner Sprache Gedichte geschrieben und einige Werke übersetzt: Goethes Räuber, Hamlet, Andersens Märchen und das Alte Testament. Bald haben auch andere ins Esperanto übersetzt und dann auch in Esperanto geschrieben. Geoffrey H. Sutton hat vor ein paar Jahren eine "Concise Encyclopedia of the Original Literature of Esperanto" zusammengestellt, in der er etwa 300 Autoren von originaler Esperanto-Literatur vorgestellt hat. insgesamt sind bisher etwa 10.000 Esperanto-Bücher erschienen, jährlich kommen etwa 120 neue hinzu.

In den letzten Jahrzehnten hat sich eine recht vielseitige Musikszene in Esperanto gebildet, die so ziemlich alle Stile umfasst. Reggae und Hiphop, Rock und Pop, Schlager und Chansons kann man mittlerweile bei youtube finden (Suche: Esperanto + "muziko").

Offizielle Anerkennung und Unterstützung

Esperanto erfährt auch mehr und mehr Verwendung und offizielle Anerkennung. Die chinesische Regierungveröffentlicht seit etwa 2001 täglich Nachrichten in Esperanto http://esperanto.china.org.cn . Der Boom in Ungarn rührt daher, dass die Ungarische Wissenschaftliche Akademie Esperanto 2004 als lebende Fremdsprache bestätigt hat; damit ist Esperanto (im wesentlichen) gleichberechtigt mit anderen Sprachen. Für ein Studium muss man in Ungarn Fremdsprachenkenntnisse nachweisen - Esperanto bietet eine einfache Variante, das zu erfüllen. In Brasilien wurde das fakultative Angebot von Esperanto an Schulen in den beiden Kammern des Parlaments diskutiert und das zuständige Ministerium soll sich nun der Sache annehmen. In Burundi hat eine Bildungsorganisation mit dem Staat einen Vertrag über das Angebot von Esperanto an Schulen geschlossen. In Polen wurde Esperanto 2014 in die nationale Liste des immateriellen kulturellen Erbes aufgenommen.

Das Esperanto-PEN-Zentrum ist seit 1993 Mitglied bei PEN International. Die katholische Kirche hat Esperanto 1990 als liturgische Sprache anerkannt, indem die Esperanto-Messtexte genehmigt wurden.

Auch auf Internet-Seiten und bei Anbietern von Programmen wird Esperanto zunehmend verwendet. Bei Google Translatewird seit 2o12 auch Esperanto übersetzt. Die Esperanto-Wikipedia hat über 230.000 Artikel; das ist etwas mehr als etwa die dänische, die slowakische oder die hebräische Version. Es gibt auch eine Esperanto-Übersetzung der gesamten englischsprachigen Wikipedia, WikiTrans, etwa 5 Millionen Artikel; die sind ganz gut lesbar, dank der regelmäßigen Struktur des Esperanto. Bei Facebook gibt es eine Esperanto-Version, ebenso für Linux.

Das alles hat im wesentlichen einen gemeinsamen Grund: Es gibt einfach eine Menge von Esperanto-Sprechern, die auch im Internet was in Esperanto schreiben. So gibt es eine große Anzahl von Seiten auf Esperanto und wenn man was auf oder für Esperanto anbietet, dann wird das halt auch ein wenig genutzt - etwa so wie Angebote in kleineren Sprachen wie Litauisch oder Slowenisch oder Baskisch... Wenn eine Seite oder ein Angebot international wird und so bei zwanzig oder dreißig Sprachen angelangt ist, dann ist Esperanto heutzutage ein natürlicher Kandidat; es kommt natürlich auf den Bereich an.

Populäre Irrtümer über Esperanto

Bemerkenswert ist, dass sich die öffentliche Wahrnehmung des Esperanto nur sehr langsam ändert. Ich habe den Eindruck, dass es in den Wissenschaften einen Echoraum zu Esperanto gibt, in dem man sich gegenseitig erzählt, dass es keine Esperanto-Sprachgemeinschaft gäbe. Elfenbeinturm in Reinkultur.

In einem Werk zur Geschichte des 19. Jahrhunderts kann man in den Auflagen von 2009 bis 2016 lesen, ein "lebensfähiges Medium" sei aus dem Esperanto nicht geworden. Dahinter findet sich eine Quellenangabe, die das aber keinesfalls bestätigt; sie bezieht sich auf etwas ganz anderes, einen Satz weiter vorne (Jürgen Osterhammel. Die Verwandlung der Welt: eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München (Beck). 2011. S. 732). Ich habe nachgefragt, woher die Information stammt. Da wurde mir nur mitgeteilt, die gesamte Passage über Esperanto (die auch einiges an richtiger Information enthält) solle in der nächsten Auflage gestrichen werden; es sei Kritik geäußert worden, zum Teil "aggressive" (vermutlich vor allem zu der weiteren, nicht gerade sanften und ebenso unbelegten Behauptung, "aus dem Sektierertum" hätten "diese Sprachglobalisten" nicht hinausgefunden).

Ich muss zugeben, so ganz hat mir der Vorgang nicht eingeleuchtet. Wenn sich herausstellt, dass in Wahrheit Esperanto sehr wohl lebensfähig geworden ist und dass sich tatsächlich eine weltweite lebhafte Sprach- und Kulturgemeinschaft gebildet hat, dann soll die Erwähnung nun vollständig gestrichen werden. Und das deshalb, weil einige Leser die Ausdrucksweise und die inhaltlichen Fehler kritisiert haben, ja? Natürlich soll Wissenschaft frei sein - aber soll sie auch frei sein von Realitätsbezug?

Jürgen Osterhammel ist leider nicht der einzige Wissenschaftler, der irrige Aussagen zu Esperanto verbreitet hat. Oft findet man die Annahme, niemand spreche Esperanto oder zumindest nicht ausreichend viele, so dass sich eine vollständige Sprache bilden kann. Dass es mittlerweile etwa tausend Esperanto-Muttersprachler gibt (von denen sich viele auch bei Esperanto-Familientreffen begegnen), das scheint zum Beispiel in den Wissenschaften kaum angekommen zu sein. (Falls es doch bei jemandem angekommen ist, werden manchmal die Kinder bedauert. Ich kenne viele dieser Kinder, u. a. spricht meine eigene Tochter Esperanto; sie ist damit recht glücklich.)

Auch der Anglistik-Professor Anatol Stefanowitsch hat seine Liebe zu Esperanto offensichtlich noch nicht gefunden. Er schrieb vor ein paar Jahren über das "leidige, nicht tot zu kriegende Esperanto". Als er deshalb kritisiert wurde, erläuterte er, „leidig und nicht totzukriegen“ sei nach seiner Auffassung die Idee, das Esperanto sei in irgendeiner Weise besonders gut dazu geeignet, die Rolle einer Weltsprache zu übernehmen. Ich sehe das zwar anders, aber für mich ist ohnehin die heutige Esperanto-Sprachpraxis der entscheidende Punkt. Ich möchte sachliche und korrekte Information, damit sich die Leute selbst entscheiden können, ob sie Esperanto lernen und sprechen mögen. Und bei "nicht totzukriegen" werde ich unangenehm daran erinnert, dass unter Stalin Esperanto-Sprecher erschossen wurden oder in Lager verfrachtet.

Nur mit Skepsis sehe ich den neuen Sport der Esperanto-Gegner, irgendwelche unbasierten Vermutungen über zwei wichtige Argumente für Esperanto zu streuen, die (relative) Neutralität und die rasche Erlernbarkeit: Es sei ja gar nicht so neutral - und man wisse nicht, ob es nicht vielleicht irgendeines fernen Tages komplizierter werde. Zur Neutralität ist zu sagen, dasss Esperanto ganz sicher weit neutraler ist als jede andere Sprache. Man braucht sich nur anzuschauen, wer die englische Wikipedia schreibt - zu über 90 % Leute aus den Ländern USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Die Esperanto-Wikipedia wird hingegen von Nutzern aus Dutzenden von Ländern erstellt wird, da hat keine nationale oder sprachliche Gruppe eine Übermacht.

Was die Leichtigkeit anbetrifft, so wäre es vielleicht sinnvoll, zunächst die Erfahrungen aus den ersten 130 Jahren Esperanto auszuwerten, bevor man fröhlich vor sich hin spekuliert. Dann ließe sich feststellen, dass Esperanto sehr wohl seine vergleichsweise leichte Erlernbarkeit bewahrt hat: Ein Handy ist ein poŝtelefono (poschtelefóno), ein "Taschentelefon"; wer weiß, was poŝo und was telefono heißt, der versteht das. Das Wort "Handy" versteht ein Ausländer hingegen nicht unmittelbar. Auch der Philosoph und Ökonom Philippe Van Parijs sollte vielleicht erwägen, seine Vorstellungen und Überlegungen zu Esperanto anhand der beobachtbaren Wirklichkeit und mit Hilfe der vorliegenden sprachwissenschaftlichen Literatur zu überprüfen (vgl. den Abschnitt zu Esperanto in seinem Buch "Sprachengerechtigkeit - für Europa und die Welt").

Vielleicht noch kurz zurück zu Stefanowitsch. Der behauptet zum Abschluss seines zweiten Blog-Eintrags zu Esperanto, dessen künstliche „Einfachheit“ sorge dafür, dass Esperanto für die Sprachwissenschaft "ungefähr so interessant sei, wie ein Zementgarten für die Ökologie" ("Will heißen: Weitgehend uninteressant, außer vielleicht dort, wo die Natur in die künstliche Ordnung eindringt.") Man hat den Eindruck, von den jährlich weit über hundert sprachwissenschaftlichen Aufsätzen zu Esperanto hat Stefanowitsch bisher noch nicht Kenntnis genommen. Eine solche Vorgehensweise ist nach meinem Eindruck allerdings auch ganz generell die Grundlage für leidenschaftliche Kritik des Esperanto; mein Vater sagte gerne mit einem verschmitzten Lächeln, "je weniger man von einer Sache versteht, desto unbefangener kann man über sie urteilen".

Von der Wissenschaft in die Medien

Nach allgemeiner Auffassung sind die Wissenschaftler die Träger des Wissens - und in der Regel ist das ja auch völlig richtig. Allerdings, wie wir hier mal wieder bestätigt sehen: Die persönlichen Gesichtspunkte werden manchmal als die sachlichsten dargestellt...

Wenn eine Journalistin einen Artikel zu Esperanto schreibt, dann wird bei der Recherche natürlich gerne mal in der Sprachwissenschaft nachgefragt. Früher traf es dabei oft einen Professor, von dem die anderen annahmen, er sei insofern der kompetenteste - auch wenn der betreffende keinen einzigen Artikel zu Esperanto veröffentlicht hatte.

In neuerer Zeit spricht es sich erfreulicherweise auch unter Journalisten herum, dass z. B. Sabine Fiedler aus Leipzig nicht nur Professorin für Anglistik ist, sondern auch mehr als zwei Dutzend Artikel zu Esperanto veröffentlicht hat. Es gibt auch ein paar andere Wissenschaftler in Deutschland, die zu Esperanto forschen, und es gibt eine "Gesellschaft für Interlinguistik" (also für die Wissenschaft von den internationalen Sprachen), die Jahrestagungen durchführt und Publikationen herausgibt. Das ist wirklich ein Segen.

Die früheren unzureichenden Recherche-Ergebnisse finden sich teilweise leider noch im Internet (und noch viel mehr in den Köpfen mancher Leser). Auf den Seiten der Neuen Zürcher Zeitung, nzz.ch, kann man z. B. immer noch die überraschende Aussage aus dem Jahr 1994 lesen, Kunstsprachen wie Esperanto böten „keine Kinderlieder und keine Verse an, keine Flüche, keine Witze, keine Redensarten“. Das alles ist vollständiger Unsinn (und der ganze Artikel birgt noch mehr davon).

Schon im ersten Esperanto-Lehrbuch von 1887 wurden drei Gedichte in Esperanto veröffentlicht; Zamenhof wollte sehr wohl eine Kultursprache auf den Weg bringen. Auch Kinderlieder und Redensarten, Witze und Flüche gibt es natürlich in Esperanto. Schon der Titel "Nachruf aufs Esperanto" führt den Leser in die Irre; der Autor, Wolf Schneider, und vermutlich auch sein Informant haben wohl nicht so recht gesehen, dass Esperanto nicht nur ein Vorschlag einer internationalen Sprache ist, sondern eine Sprachgemeinschaft gebildet hat.

Korrektur von Irrtümern

Die falschen Informationen über Esperanto haben die Verbreitung der Sprache wohl erheblich gebremst. Insbesondere die Vorstellung, Esperanto sei lediglich ein Projekt für eine allgemeine Weltsprache, hat sicherlich viele Leute davon abgehalten, Esperanto zu lernen. Man muss schon wissen, dass es eine weltweite Sprachgemeinschaft gibt, um einen Nutzen im Erlernen des Esperanto zu sehen. Und man sollte es wissen, wenn man z. B. Sprachwissenschaftler, Journalist oder Lehrer ist, um einen Sinn darin zu sehen, den Studenten, Lesern oder Schülern etwas über Esperanto mitzuteilen.

Es wäre schön, wenn diejenigen, die falsche Informationen zu Esperanto verbreitet haben, sich zumindest darum bemühen würden, nunmehr richtig zu informieren. Schön, aber leider oft eine Illusion. Zeitungen sind laut Pressekodex verpflichtet, falsche Informationen "unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen." Als angemessen wird dabei anscheinend empfunden, wenn ein Leserbrief abgedruckt wird oder wenn später ein anderer Artikel die Sache richtig darstellt. Besser als nichts; bei NZZ Folio wurde kein Leserbrief abgedruckt, die Kommentare im Internet wurden erst 18 Jahre nach Erscheinen des Artikels veröffentlicht. Immerhin...

Wenn eine Zeitung jemand anders zitiert oder ein Interview veröffentlicht, ist sie völlig aus dem Schneider. Das muss von der Zeitung in keiner Weise korrigiert werden. Man findet auch so manche falsche Aussage zu Esperanto, die in Interviews geäußert wurde. Irgendwie habe ich insgesamt den Eindruck, dass es von der Gesellschaft nicht als besonders hohes Gut eingeschätzt wird, dass die Bürger über die Wirklichkeit korrekt informiert werden. Zeitungen achten auf ihren Ruf und vermeiden den Eindruck, sie würden auch mal Irrtümer verbreiten; Wissenschaftler haben ein ähnliches Bemühen. So hält sich so manches unnötig lange, was schon längst als unwahr entlarvt ist.

Allerdings lehrt die Erfahrung auch, dass sich selbst fest verwurzelte Irrtümer nicht ewig halten. Irgendwann wird der Unsinn zu offensichtlich. Vermutlich nähern wir uns in Sachen Esperanto diesem Moment. Erfreulich viele Wissenschaftler stoßen in anderem Zusammenhang auf Esperanto, forschen dazu und veröffentlichen das dann. Das wird allmählich auch die öffentliche Wahrnehmung des Esperanto beeinflussen.

Zur Person

Ich habe 1977 Esperanto gelernt und mal für eine Befragung abgeschätzt, dass ich die Sprache bisher wohl mehr als 25.000 Stunden lang benutzt habe. Ich habe eine Reihe von Funktionen in der Esperanto-Sprachgemeinschaft innegehabt und bin derzeit insbesondere Leiter des Vereins EsperantoLand und Pressesprecher des Deutschen Esperanto-Bundes.

Ich möchte, dass Esperanto als das gesehen wird, was es heute ist - gemeinsame Sprache einer internationalen Sprachgemeinschaft, der wohl ein paar hunderttausend Menschen angehören. Argumentieren möchte ich nicht etwa dafür, dass Esperanto als allgemeine Sprache eingeführt wird (das ist heute nicht realistisch), sondern dafür, dass jeder weiß, was Esperanto ist und was man damit machen kann. Es wäre schön, wenn zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer das ihren Schülern in einer Schulstunde mitteilen würden. Dann kann sich jede und jeder selbst entscheiden, ob das Lernen attraktiv klingt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.